Plus de courage
Cher journal !
Heute ist der "Internationale Tag der Biber", und da fragte ich mich allen Ernstes: Was ist normal? Zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich das, mein liebes Tagebuch. Und es ging mir dabei nicht um die Länge meines getreuen Freundes zwischen den Lenden, pardon, im vorderen Beckenbereich. Ach, du weißt, was ich meine. Mit seiner Größe bin ich überaus zufrieden, weit mehr denn noch: nahezu gesegnet, will ich glauben. Zumindest hatte sich noch nie eine Frau darüber beschwert. Die billigste Antwort, bezogen auf die Beschaffenheit, war bei Weitem so etwas wie: "Ich mag sie ja eher dick als lang." Natürlich hackte ich seinerzeit nach, worauf die junge Dame ungeniert verlautete: "Er ist ein wenig über Standardmaß." Zwei derartige Beleidigungen binnen kürzester Zeit, das hatte ich weder davor, noch jemals danach wieder in Erfahrung bringen müssen. Glücklicherweise.
Wie dem auch sei. Was ist normal, cher journal? Und an der Stelle geht es mir tatsächlich um die reine Körpergröße. Die eines französischen Mannes meines Alters im Expliziten. Ich finde 1,77 m ist nicht wirklich klein. Damit bin ich sogar einen halben Zentimeter größer als der durchschnittlich geborene Franzose im Jahre 1980. Weswegen frage ich mich also, was man unter "normal" versteht? Ich will es dir erklären ...
Es kam bereits viele Male vor, dass ich mit Liebschaften verkehrte, die aufgrund der Absätze ihres Schuhwerks eine annähernd ähnliche Größe erreichten, als ich sie misse. Oder heißt es "messe" im Deutschen? Ach, egal. Ich meine, ich habe nichts dagegen einzuwenden, weil einhergehend mit hohen Stiefeln (o. ä.) in aller Regel auch eine entsprechende Beinbekleidung (oder eben nicht) Einzug in das Outfit meiner Affären nimmt bzw. nahm. Und du weißt zu gut, ich stehe ungemein auf Nylonstrümpfe. Nichts schickt Frauenbeine besser. Und Männer entpacken gerne, insbesondere ich lege da größten Wert darauf, in so einem Falle, selbst Hand anzulegen. Geschenke, die man in Empfang nimmt, sollten stets stilvoll verhüllt sein. Die Vorfreude steigt mit jedem Zentimeter, der ein Stückchen mehr Haut zum Vorschein bringt. Die Begleiterscheinung von High Heels, Stilettos, Pumps oder gar einer Plateaubesohlung ist desgleichen nicht zu unterschätzen. Wessen Füße lange darin unterwegs sind, bedürfen einer entspannenden und gleichwohl anregenden Massage. Ich werde darauf ein andermal zu sprechen kommen; für heute geht es mir um die Sache mit der damit zusammenhängenden künstlichen Erhöhung der Statur. Und wie gesagt, ich habe damit kein Problem, wenn die Frau an sich kleiner ist als ich. Es wird erst zum Thema, wenn sie in etwa gleich groß oder gar höherem Wuchses ist als meine Wenigkeit. Eigentlich will ich einem solchen Umstand nicht mehr beimessen, ihn konkret der blanken Erwähnung entziehen. Doch mit dir kann ich immer ehrlich sein. Und ich weiß, du bist und bleibst mir treu ergeben. Deine Verschwiegenheit schätze ich ungemein. Du, cher journal, wirst mit mir einst das Grab hüten, bis wir beide in Staub aufgegangen sind. Deswegen lass mich nochmals offen und ehrlich sein und Dir sagen: Ich habe Angst vor großen Frauen. Und jede la passade, jegliche Liebschaft mit weitaus jüngeren Zeitgenossinnen bereitet mir ein wenig Magenschmerzen, vor allem wenn ich im Vorfeld nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurde, wie groß das jeweilige Geschöpf de Dieu ist. Bei etwa Gleichaltrigen habe ich wenig zu befürchten. Hingegen die frischen und unverbrauchten Baujahre tendenziell mehr mitbringen, gelegentlich auch in der Höhe, wie kürzlich geschehen. Als ich belle créature, die holde Schönheit, bereits aus der Ferne sah, dachte ich so bei mir: Cette femme est une géante – diese Frau ist ein Riese, une Amazone ist sie. Elle était très grande. Plus: Sie war nicht nur sehr groß, ihre Gesamterscheinung brachte auf den ersten Blick eine äußerst stattliche Präsenz mit. Und genau diese Kombination war es, die mich ehrfürchtig werden ließ, um so näher ich ihr kam. Beinahe wäre ich umgekehrt und prompt wieder nach Hause gegangen. Aber ich riss mich zusammen und wagte es. Ja, cher journal, und was soll ich sagen? Mein Mut zu mehr – jenen habe ich keine Sekunde bereut. Und da sie offenbar kein sonderbares Problem damit hatte, mit mir und meiner Körpergröße, spräche wohl nichts dagegen, sich mir auf eine Neues zu verabreden. Que le courage me donne de la force !
Avec amour,
ton Ryan.